Dutch Mountain Film Festival 02.11. – 07.11.2021

Das komplette Programm des DMFF#11 unter https://www.dmff.eu/de/programm

Tickets: https://www.dmff.eu/de/tickets/

THEMA 2021: FREEDOM TO ROAM (Ist das überhaupt möglich?)

Right to roam, das Jedermannsrecht, ist in Schottland, Schweden und Norwegen eine alte Tradition des freien Zugangs zu unbewirtschafteten Flächen. Dort findet man es essentiell für Gesundheit und Wohlbefinden, dass alle freien Zugang zum weiten Hochland zum Wandern, Schwimmen, Kajakfahren, Klettern, Radfahren, Reiten und Biwakieren haben. Kinder lernen so von klein auf den Umgang mit der Natur. Leider gilt das right to roam nicht überall. In England revoltierten 1932 Wandernde aus Manchester und verstießen massiv gegen das Verbot, den Kinder Scout Mountain zu besteigen. Dieses Ereignis inspirierte den englischen Folksänger Ewan MacColl zu der Ballade The Manchester Rambler, den Auftaktsong des Dutch Mountain Film Festivals 2019. Erst im Jahr 2000 wurde in England der Countryside and Rights of Way Act (CRoW Act) verabschiedet, der den freien Zugang zu unbewirtschaftetem Land und Gemeindeland festlegte.

In den Niederlanden und Deutschland haben Fußgänger weniger Rechte. Die Gesetzgebung schützt unbefestigte Wege kaum. Pfade verschwinden, werden geschlossen oder asphaltiert. Wandernde werden oftmals durch Gesetze beschränkt und von Zäunen, Grundbesitzenden, Baufirmen, Straßen- und Eisenbahnschienen auf festgelegte, markierte und kartierten Routen verwiesen. Diese Verbote sind oft ungerechtfertigt. Fußgänger haben ältere, ungeschriebene Rechte: das Recht zum Betreten zu Erholungszwecken und das Gewohnheitsrecht. Und auch die Landschaft braucht die Fußgänger: Nur wer sie beschreitet, kann alte, gefährdete oder gar verbotene Wanderwege erhalten. Ohne Wandernde wird die Landschaft zur Beute der Reißbretter von Entwicklern. Wir müssen das Recht einfordern, zu wandern, um die Spuren unserer Vorfahren durch die Landschaft und ihre alten Geschichten zurückzuverfolgen. Alle sollten ungehinderten Zugang zur Natur haben. Je mehr das Erleben der Natur in den Alltag eingewoben werden kann, desto besser werden wir die Natur verstehen, schätzen und schützen.

Das Recht zu streunen

Mit freedom to roam wollen wir eine Lanze für das Recht zu streunen brechen, aber auch ausloten, an welchen Punkten diese Freiheit mit anderen Interessen kollidiert. Während der COVID-19 Pandemie haben viele das Bedürfnis, nach draußen zu gehen, aber die sonst unsichtbaren Grenzen zu unseren Nachbarländern waren zeitweilig gesperrt, teilweise sogar durch Betonblöcke versperrt. Inländische Naturschutzgebiete wurden von Tagesausflüglern überschwemmt, die ein Verkehrs- und Parkchaos verursachten und ihren Müll in der Natur zurückließen.

Jederzeit und für alle?

Schauen wir uns also das freedom to roam einmal kritisch an. Müssen wir wirklich auch in die entlegensten Winkel der Erde eindringen? Auch die am meisten gefährdeten Orten wie Grönland oder die Antarktis besuchen und jeden heiligen Berg erklimmen? Wer kürzt nicht einmal Wege querfeldein ab und zerstört dadurch vielleicht die Natur? Und gilt das freedom to roam eigentlich für alle, oder ist es nicht so, dass diese Freiheit hauptsächlich von weißen, gut situierten Outdoor-Sportler*innen beansprucht wird?


HINTERGRUND INFOS

Das Dutch Mountain Film Festival ist in den Hügeln von Limburg schon seit 11 Jahren ein Begriff. Die Idee für das Festival entstand in einer hohen Felswand. Im Februar 2011 fand das erste DMFF im höchstgelegenen Kino des Landes statt.

Die Initiatoren und Kletterpartner Thijs Horbach und Toon Hezemans vergleichen das DMFF gern mit einem Abend in der Berghütte. „Wenn die Tür zu ist und sich alle zum Bergsteigeressen an den Tisch setzen, sind alle gleich. Ein unerfahrener Tourist sitzt neben dem gefeierten Bergsteiger, der Fotograf auf Wanderung neben einem muskulösen Extrem-Skifahrer. Da hört man spannende Abenteuer und werden Geschichten erzählt“. Während des Dutch Mountain Film Festival steht der Berg zentral. Der heitere Urlaubsort des Bergsportlers, das romantische Dekor der Bergkultur, das Thermometer des Klimawandels, der tödliche Herausforderer des Abenteurers, die ultimative Metapher des Unerreichbaren, das Ungezähmte, der Ursprung und die Inspiration. Und die Berge, die fangen hier an… Seit 2016 ist nicht nur die südlimburgische Hügellandschaft das Dekor für das DMFF, sondern finden auch einige Aktivitäten in Aachen statt. Damit ist das DMFF eines der wenigen grenzüberschreitenden Filmfestivals auf der Welt. Gemäß Toon und Thijs ist der Blick über die Grenze eine logische Entscheidung.

DAS BERGKINO

Bereits im Jahre 1902 wurde eine Besteigung des Mont Blanc und 1915 die der Jungfrau  auf Film festgehalten. 1923 entstand eine beeindruckende Dokumentation der britischen MountEverest-Expedition. Die Bergsteiger George Mallory und John Irvine kehrten nie zurück. Wie sie sich jedoch als Pünktchen am Horizont durch die Todeszone bewegten, ist für ewig auf Film festgehalten. In den Filmen des Deutschen Arnold Fanck stand das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zentral. Fanck begann während der Abfahrten auf Skiern mit dem Filmen. Später dachte er sich Geschichten zu seinen Filmen aus, in denen Besteigungen immer öfter eine Rolle zu spielen begannen. In einer Zeit, in der Filme meist Studioproduktionen waren, bezauberte er das Kinopublikum mit revolutionären Filmlösungen, wie Inszenierungen bei Gegenlicht und das Montieren von Kameras auf Skiern. In den 50er-Jahren wurden dann endlich die höchsten Gipfel bezwungen und das bescherte uns spektakuläre Dokumentationen. Eine Live-Reportage der Besteigung einer 130 m hohen Felsnadel in Schottland war ein folgender Meilenstein. Dieses buchstäbliche Reality-TV fesselt ein Millionenpublikum. Britische Bergsteiger werden bei ihrem Kampf auf dem Fels bei jedem Schritt von der Kamera beobachtet. Eine unglaubliche Operation, die ganze Filmausrüstung auf das Kliff zu schleppen. Extreme Besteigungen sollten von nun an aus nächster Nähe gefilmt werden.

In letzter Zeit kann man von einem Wiedererwachen des Bergfilms als Spielfilm sprechen. Der fiktive Bergfilm bekommt neuen Inhalt in der Form von romantisierten Geschichten über historische Besteigungen. Gerade aufgrund seines zeitlosen, romantischen Ausgangspunktes kann der Bergfilm sich weiterentwickeln. Vieles ist bisher nur teilweise erkundet. So kann man den Schwerpunkt auf die Person des Bergsteigers verlegen. Könnte er trotz seines Mutes, seines technischen Könnens und Durchsetzungsvermögens Schwierigkeiten mit den Anforderungen haben, die das Leben außerhalb der Berge an ihn stellt? Auch besteht das Bedürfnis nach einer weniger traditionellen Betrachtung des Lebens der Bergbewohner. Ist der einfache Bergbauer mit dem Herzen auf dem rechten Fleck wirklich so gesund und glücklich? Ohne den westlichen, ethnozentrischen Blickwinkel ist die Härte des Lebens der Bergvölker und ihr eigenes Erleben ihrer Umgebung auf der Leinwand noch kaum erschlossenes Terrain. Aber vor allem haben Bilder von unberührter Natur heutzutage eine Dringlichkeit, die die Romantik übersteigt. Die Erde wird vollständig verkannt. Zugleich jedoch beinah vollständig von uns kolonisiert und beeinflusst. Gletscher schrumpfen und Bergwände verschieben sich unter dem Einfluss des Klimawandels. Das stimmt wehmütig, kann aber auch katastrophale Folgen nach sich ziehen.